Sehr geehrte Damen und Herren,
die Aufgabe der Kulturschaffenden besteht nicht darin, das politische Tagesgeschäft unmittelbar zu kommentieren oder zu bewerten. Vielmehr liegt unsere Verantwortung darin, zu sensibilisieren, die Augen zu öffnen und eine differenzierte Auseinandersetzung mit Gedanken und Perspektiven anzustoßen. Gerade in einer Zeit, in der die politische Weltlage uns alle herausfordert, erscheint es mir umso wichtiger, durch die Programmgestaltung Persönlichkeiten zu Wort kommen zu lassen, deren bedeutende Botschaften aus der Vergangenheit im heutigen Kontext eine besondere Aktualität und Dringlichkeit besitzen.

10. Mai 2026 | 18.00 Uhr | Saalbau, Homburg
Das erste Violinkonzert von Schostakovitsch mit Dora Bratchkowa als Solistin
Karten: Online verfügbar
Das Violinkonzert Nr. 1 von Dmitri Schostakowitsch ist ein solches Werk. Entstanden in einer Zeit politischer Repression, lässt es sich als eine Form unterschwelliger Opposition gegen die kommunistische Diktatur verstehen. Ohne offen programmatisch zu sein, offenbart die Musik eine tiefe innere Zerrissenheit, existenzielle Schwere und zugleich eine unbeirrbare individuelle Stimme. Zugleich zeugt das Werk von Schostakowitschs besonderem Engagement für die jüdische Kultur und Volksmusik, deren Klangsprache und Ausdruckswelt immer wieder als Zeichen von Empathie und stiller Solidarität in seinem Schaffen aufscheinen. Vor dem Hintergrund der damaligen kulturpolitischen Doktrin der sowjetischen Führung gewinnt dieses Konzert eine zusätzliche, historisch brisante Dimension. Gerade in der Spannung zwischen äußerer Anpassung und innerem Widerstand entfaltet das Werk seine eindringliche Wirkung. Für die Interpretation dieses außergewöhnlichen Konzerts konnten wir mit Dora Bratchkova eine herausragende Künstlerin gewinnen. Die Professorin und ehemalige Konzertmeisterin der Deutschen Radio Philharmonie überzeugt durch ihre detailverliebte und zugleich tiefgründige Herangehensweise. Mit ihrer künstlerischen Klarheit und Ausdrucksstärke ist sie eine Idealbesetzung für diesen Konzertabend, und wir freuen uns sehr, sie bei uns begrüßen zu dürfen.
Als bewusst gesetztes Gegenstück zur ernsten ersten Konzerthälfte erklingt in der zweiten Hälfte die Sinfonietta von Francis Poulenc aus dem Jahr 1958. Dieses Werk besticht durch seine Vielseitigkeit und seine spielerischen Anspielungen auf musikalische Stile der letzten 300 Jahre. Von der Klassik über die Romantik bis hin zu Elementen der Operette und des Varietés entfaltet sich ein farbenreiches Klangspektrum. Poulenc gelingt dabei ein wahrer Coup de génie: Aus der Fülle verschiedenster Stile und Genres entsteht ein leichtfüßiges, charmantes und zugleich kunstvoll gearbeitetes Werk, das ohne jede Schwere auskommt. Ich wünsche Ihnen einen anregenden und bereichernden Konzertabend.
Ihr Jonathan Kaell (Musikalischer Leiter)